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Selbstwahrnehmung … wie ein Trauma entsteht

Ein Erklärungsversuch … weil, wenn ihr das versteht, ist es schon ein Teil der Heilung.

Jeder Mensch lernt und bildet sich selbst, durch Abbildungen seiner Außenwelt. Er möchte die Außenwelt besser verstehen und vorhersagen können, um sich leichter darin zurecht zu finden.

Manche Erfahrungen können positiv sein und unser Leben und unsere Entwicklung fördern, weil wir uns anpassen lernen und dadurch beweglich bleiben, damit wir unsere Ziele erreichen oder Aufgaben ausführen können. Andere Erfahrungen können sich negativ auswirken und eine dysfunktionale Wirkung haben, wodurch der Mensch in seiner Entwicklung gehemmt wird und das Verhalten nicht zum gewünschten Ziel führt.

Diese Menschen wachsen und entwickeln sich nur äußerlich weiter. In der Psyche bleibt der Stand der Entwicklung stehen bzw. steckt in Emotionen fest. Denn das eigene Selbst wird durch die negative Erfahrung blockiert. Man kann sich nicht anpassen, nicht mitdenken und nicht einfühlen.

Wird diese negative Erfahrung bereits in der Kindheit oder von einer engen Bezugsperson ausgelöst, identifiziert sich der Mensch (Opfer) mit dieser Person – denn wie oben beschrieben, bildet sich das selbst im Innen durch die Abbildung einer Person im Außen – und beginnt sich selbst als “falsch” zu empfinden und übernimmt die Ansicht des anderen Menschen (Täter). Bildet sich ein Trauma bereits in der Kindheit, hat das Kind die Ansicht des Täters übernommen. Ein Kind muss sich an eine Bezugsperson binden, um zu überleben. Bildet sich ein Trauma im Erwachsenenalter, z.B. ein Helfertrauma bei einem Verkehrsunfall, kann das Gespräch mit einem Coach/Therapeut entlastend und heilend wirken. 

“Beziehen Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin in die Aufarbeitung ein. Vergessen Sie nicht, die Zeit für Ihr gemeinsames Gespräch über belastende Ereignisse zu begrenzen. Dann kann das Gespräch entlastend und klärend wirken. Die traditionelle Vereinbarung, zu Hause niemals über berufliche Probleme zu reden, funktioniert nicht. Wenn wir nicht über sie sprechen können, schlagen belastende Erlebnisse umso nachhaltiger auf unsere Stimmung durch, und davon sind auch unsere Partner betroffen.” Quelle

Wegen der “Ablehnung” des eigenen Selbst beginnt oft eine Selbstzerstörung oder man muss einen anderen zerstören … d.h. man beginnt andere zu entwerten, zu verurteilen und die Schuld zu geben oder zu mobben.

Ein Trauma kann sich auch bilden, wenn man in psychische Abhängigkeit verwickelt wird oder psychische Gewalt erfährt.

Das “Versagen” liegt bei der Bezugsperson (Täter) und nicht bei dem Menschen der diese negative Erfahrung macht. (Opfer).

Es ist keine Identifizierung mit dem Täter, sondern eine Introjektion, bei der der Unterschied zwischen Subjekt (Opfer) und Objekt (Bezugsperson) erhalten bleibt, wie sie im Moment der negativen Erfahrung (Introjektion) bestand. Das heißt, dass man nicht die andere Person kopiert, sondern sich auch in deren Abwesenheit so verhält, als sei die Person anwesend. Introjektion = unbewusste Einbeziehung fremder Anschauungen, Motive o. Ä. in das eigene Ich.

So bildet sich ein fremdes (deswegen dysfunktionales) Selbstbild, weil man die Rolle die verlangt wird spielt … auch in Abwesenheit der Bezugsperson.

So wird es irgendwann unmöglich zu erkennen, was das Selbst eigentlich ist und wer wem Schaden zufügt. Die Spaltung im Inneren lässt keine eigene Identität entwickeln.

Hier passt nun der Satz: Alles was du an einem Anderen nicht magst, hat mit dir selbst zu tun. Je mehr Menschen und Eigenschaften du an anderen nicht magst, umso mehr wertest du dein eigenes Selbst ab.

Das Symptom ist nicht das Problem, sondern die Lösung für ein Problem.

Gunther Schmidt

“Ein Täterintrojekt im Innern aufzubauen steht als Lösungsversuch für berechtigte und anerkennenswerte Wünsche und Sehnsüchte des Kindes – letztlich für den Wunsch, geliebt, geschützt und bestätigt zu werden.”

Wer diese Beschreibung begreifen kann und das was geschehen ist aufarbeitet, kann auf der Ebene des Erlebten eine Veränderung herbeiführen. D. h. das Erlebnis sehen, welches zum Trauma geführt hat, aber nicht ins Traumagefühl hinein gehen oder hineingezogen werden. Hierbei unterstützt z.B. die Methode Eye Movement (EMDR), die Klopftechnik EFT, Achtsamkeit und mitfühlende Gespräche.

Wird der Affekt (Gemütsregung) ausgelöst, z.B. wenn ein Mensch einen bestimmten Blick hat, oder wenn der “echte Täter” auf der Bildfläche des Lebens erscheint, wird das immer wieder sehr schmerzhaftes Leid auslösen. Persönlich oder in einer Geschichte ist dabei völlig egal.

Je früher man seine Affekte sortiert, begreift und sie verwandelt, umso früher wird Frieden sein!

Der Prozess der eigenen Aufarbeitung braucht Wille, Mut und Unterstützung. Dies ist ein enormer Kraftakt der Psyche.

Die Affekte von Verlassen-Werden, Nicht-Gewollt-Sein und Einsamkeit sind häufige Problem. Welches Trauma ein anderer Mensch erlebt hat, kann nur er selbst erkennen, wenn das Gehirn/Psyche es zulässt. Werden die Wunden jedoch wieder von andere Menschen berührt, ohne es zu wissen, löst das die Affekte aus. In diesem Zustand kann man keine Beziehung mehr aufbauen, da sich der Mensch, der sich eigentlich nichts sehnlicher wünscht als Berührung, in Wirklichkeit unberührbar ist.

Ein Affekt ist eine intensive, aber eher kurz anhaltende Reaktion auf ein Erlebnis. Der Affekt ist sozusagen ein intensives Gefühl, das von körperlichen Erscheinungen begleitet wird. Zu den Affekten gehören z.B. Angst, Ekel, Überraschung, Freude, Scham und Wut.

Buch: Innere Kritiker, Verfolger und Zerstörer:

Borderline: Aus unverdauten, verinnerlichten Objektzuständen entstehen innere Abbildungen äußerer Beziehungserfahrungen.

Im Trauma ist das überwältigende Gefühl von Todesangst/Hilflosigkeit, durch das ich mich selbst und das Objekt (Täter) wahrnehme … es kommt zu einer Wahrnehmungsverzerrung. Es kommt zu einer Blockierung der Verarbeitung. Das Selbst wird ausgesperrt und das erstarrte Bild des Täters (die schlimme Erfahrung) wird gespeichert und bei Berührung aktiv.

Durch Wutangriffe, Beschimpfungen und Erniedrigungen erzeugt man in sich zwei Bilder. Täterintrojekt und traumatisierter Ich-Antei sind die zwei Seiten einer Medaille. Entstanden sind diese zwei Seiten durch eine Erfahrung von heftiger “Abwertung, Erniedrigung, Hass”. Mit dem Ziel, das eigene Überleben zu sichern kommt es zu einer inneren Verdrängung und der Überzeugung – er hat recht … ich bin schlecht … mit mir stimmt was nicht, ich bin wertlos oder und ich muss wirklich noch mehr tun, damit man mich liebt.

INTROJEKT

Wird reaktiviert, wenn jemand gleiches Verhalten zeigt wie die Person die es damals verursacht hat (als Introjekt angelegt hat).

DISSOZIIERTER ANTEIL

Die Reaktion des Menschen (des Kindes) aus der ursprünglichen Situation welche sich in der Gegenwart wiederholt.

Beide bedingen einander und sind untrennbar miteinander verbunden. Sie bilden eine traumatische Beziehungsdyade im psychischen Innenraum des Opfers.

(Dyade = Als Zweierbeziehung wird eine intensive soziale Beziehung zweier Personen bezeichnet. In den Sozialwissenschaften wird hierfür auch die Bezeichnung Dyade bzw. Dyadische Beziehung verwendet. Wiki)

  • Introjektion als ein normaler, unbewusster Prozess des Rollenlernens,
  • Introjektion als Bezeichnung für einen Abwehrmechanismus der Psyche und
  • Introjektion als Trauma-Coping-Strategie (Bewältigungsstrategie), um zu überleben.

Quelle: Innere Kritiker, Verfolger und Zerstörer: Ein Praxishandbuch für die Arbeit mit Täterintrojekten, Jochen Peichl
Quelle: DIPT – Deutsches Institut für Psychotraumatologie

Foto: Canva / Präsentation